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„Wenn das der Führer sähe…“ – Deutsche Charakterschwächen

16Nov2016

Von 19:00 bis 22:00

Boxhagener Straße 16, 10245 Berlin

stratum GmbH / info@stratum-consult.de

An sich ist diese Geschichte aufgearbeitet. Die des Marinerichters Hans Filbinger, späteren erfolgreichen CDU-Politikers und Ministerpräsidenten, und seines Opfers, des Marinesoldaten Walter Gröger. Letzterer war zu Kriegsbeginn 1940 mit patriotischem Eifer als 17-jähriger freiwillig zur Kriegsmarine gegangen. Das strenge und schikanöse Regime gegenüber den Matrosen zerstört aber seine Illusionen: „Was muss ich blind gewesen sein, zu glauben, in diesem Krieg eines Tages ein Held sein zu dürfen.“

 

Die Wege von Walter Gröger und Hans Filbinger kreuzen sich 1944, als ein relativ mildes Urteil gegen den Deserteur Gröger aufgehoben wird. Der Richter beantragte daraufhin die Todesstrafe wegen „charakterlicher Schwächen“ Grögers.  Am 15. März 1945 teilte der damals 31-jährige Ankläger Hans Filbinger Gröger die Ablehnung des Gnadengesuchs mit. Filbinger verkürzte anschließend ohne Not die übliche Eintagesfrist bis zur Hinrichtung auf wenige Stunden. Gröger wurde am selben Tag um 16:02 Uhr in der Festung Akershus erschossen. Filbinger war dabei anwesend und erteilte als höchster Offizier den Schießbefehl.

 

Später würde Filbinger, nachdem dessen Tätigkeit als Marinerichter von Rolf Hochhuth ruchbar gemacht worden waren, sich verteidigen: „Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Nicht wegen dieser offenkundigen Charakterschwäche trat Filbinger 1978 als Ministerpräsident zurück, sondern weil er den Rückhalt in seiner Partei verloren hatte.

 

Jacqueline Roussety erschließt uns die Geschichte von Walter Gröger vor dem Hintergrund des Lebens seiner Familie im schlesischen Mohrau und auf der Grundlage langer Gespräche mit Grögers jüngster Schwester. Damit versucht sie erstmals die Perspektive des Opfers und seiner Familie in den Mittelpunkt zu stellen und Empathie für das Ausgeliefertsein der kleinen Leute zu erzeugen.

 

In unserer Veranstaltung am 16. November stellt die Autorin ihren Roman „Wenn das der Führer sähe…“ vor, in dem sie Teile des Romans mit historisch-wissenschaftlichen Fakten verknüpft. Es geht ihr jedoch nicht nur um Vergangenheitsbewältigung, sondern auch um die Gegenwart. Gerade heute erstarken wieder demagogische Kräfte, die an den Nationalstolz appellieren. Roussety plädiert dafür, „dass man Ängste von Menschen, seien sie real oder nur geschürt, von Anfang an ernst nehmen muss. Es nützt nichts, als Politiker sich vor laufender Kamera zu äußern, und danach wieder schick von dannen zu ziehen. Ich denke, die Politiker müssen sich vielmehr wieder unters Volk mischen und tatsächlich mitkriegen, wie die Stimmungen sind, und warum die Menschen aus Frustration Demagogen hinterher rennen, die ihnen vielleicht das Gefühl vermitteln, sie und ihre Sorgen ernst zu nehmen.“

 

Die Veranstaltung findet im Rahmen der Kampagne STADT LAND BUCH 2016 statt.
 
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